Benjë Quellen

Mann steht auf Brücke bei Heißen Quellen über einem Fluss mit Blick in Richtung Berge.

Vier Monate Griechenland liegen hinter uns - eine unvergessliche Zeit in diesem facettenreichen, atemberaubenden und teils ursprünglichen Land. Doch auf unserem Roadtrip durch Europa stehen noch andere Stationen auf dem Programm, wie zum Beispiel Albanien. Griechenlands Nachbar ist eines der unterschätztesten Länder des Kontinents was unter anderem den vorherrschenden Vorurteile zuzuschreiben ist.

Ich denke, jeder hat sofort seine eigenen Gedanken über Albanien im Kopf, größtenteils negativ. Entsprechend sind wir auch mit einem etwas mulmigen Gefühl der Grenze des Balkanstaates entgegen gerollt, doch spätestens nach der herzlichen Begrüßung am Ohridsee auf einem kleinen Campingplatz, den freundlichen Bauern, die uns vom Straßenrand grüßten und den Kindern, die uns lächelnd "Hi" entgegen riefen, sind wir vollkommen in diesem wilden und ursprünglichen Land angekommen. In Korça legten wir einen kurzen Stopp ein, schlenderten durch die Straßen und ließen uns zum Sonnenuntergang auf dem nahegelegenen Hügel nieder. Der Ausblick vom Fuße des großen Kreuzes auf die Stadt, die Berge und die kleine Kapelle war grandios.

Sonnenuntergang auf einem Hügel in der Nähe der Stadt Korca mit Blick auf die malerische Kapelle und die Dächer der Stadt.

Am nächsten Morgen brachen wir früh zu unserem ersten großen Ziel in Albanien auf. Die Benjë Quellen, Thermalquellen im Süden des Landes. Vor der Abfahrt wunderten wir uns noch, wie man für circa 130 Kilometer die prognostizierte Zeit des Navis von über 3 Stunden benötigen kann, doch spätestens nach einer Stunde Fahrzeit wurde es uns klar. Mit Schlaglöchern überzogene, enge Straßen schlängeln sich durch die Berge und Schluchten. Teilweise in Schrittgeschwindigkeit passierten wir die bewaldete Wildnis. Aufgrund des Zustandes der Straßen hatten wir zeitweise die Befürchtung, dass die Straße irgendwo im Nirgendwo endet und wir alles wieder zurückfahren müssen. Doch nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir nach der Durchquerung einer weiteren Schlucht eine gut ausgebaute Hauptstraße. Insgesamt brauchten wir für die 130 Kilometer nicht 3 sondern 5 Stunden. Doch landschaftlich war es ein absoluter Traum! Auf den letzten Metern zum Ziel kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Straße führt entlang des Vjosa, einem der letzten Wildflüsse Europas. Dahinter die hohen Gipfel. Atemberaubend!

Atemberaubendes Panorama des Wildflusses Vjosa mit Bergkette im Hintergrund.

Endlich an den Quellen angekommen, hieß es rein in die Badesachen, bei 35° C Außentemperatur und der anstrengenden Anreise mussten wir uns dringend abkühlen. Von weitem erkannten wir schon die alte Steinbrücke Ura e Kadiut, welche im 18. Jahrhundert erbaut wurde und sich über den Fluss Lengarica spannt. Nur einen Steinwurf entfernt befinden sich die ersten Steinbecken, die mit erfrischenden Wasser locken. Jetzt wundert ihr euch vielleicht, warum erfrischend? Wer heiße Quellen erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht sein, denn die Wassertemperatur liegt je nach Becken bei 22° - 28° C. Also wirklich kein Vergleich zu den heißen Quellen auf Euböa! Und bei Außentemperaturen von über 30° C kann man die Thermalbecken entsprechend zur Abkühlung nutzen.

Das Wasser strömt aus einem Thermalbecken gleich neben einer Brücke in einen Fluss.
Wasser fließt über die Mauer einer Heiße Quellen in ein grün bewachsenes Gewässer, in der Ferne spannt sich eine Steinbrücke über einen Fluss.
Detailaufnahme einer Steinbrücke mit kleinem Wasserfall im Vordergrund.
Kleiner Wasserfall mit Steinbrücke im Hintergrund.

Doch das eigentliche Highlight war für uns der Lengarica Canyon, da dieser durchwandert werden kann. Und genau das war unser Ziel. Wir schnappten uns unseren Dry Bag und die Badeschuhe und gingen einfach darauf los. Wer sich etwas hinein wagt, entdeckt links und rechts weitere Steinbecken, die ebenfalls mit Schwefelwasser gefüllt sind und unterschiedliche heilende Wirkungen haben sollen.

Frau und Mann wandern durch den wilden Lengarica Canyon.
Person wandert durch den Fluss des Lengarica Canyon mit dem Rucksack auf dem Kopf.

Nach dem letzten von Menschenhand aufgestauten Becken wird es spannend. Bis hierhin kann man auf dem Kiesbett am Rande des Gewässers entspannt entlang wandern. Doch dann verengt sich die Schlucht zum ersten Mal. Links und rechts türmen sich die Steilwände des Canyons auf. Das Flussufer verschwindet und wir standen vor einer Sackgasse. Doch wir waren nicht die einzigen. Ein älterer Mann namens Mauricio stand ratlos am Fluss und blickte stoisch in das türkise Wasser. Er gab uns zu verstehen, dass er einen Stock benötigen würde, um zu ermitteln wie tief das Wasser sei. Nach einer kurzen Einschätzung der Lage marschierten wir an der rechten Felswand entlang in das erfrischende Wasser. Mauricio heftete sich an unsere Fersen und das sollte sich bis zum Ende der Wanderung auch nicht mehr ändern. Wir wateten zu dritt durch das hüfthohe Wasser. Der Canyon öffnet und verengt sich im Laufe des Trails mehrmals. Teilweise kann der Weg am steinigen Ufer zurückgelegt werden, doch es sind auch einige Passagen dabei in denen erneut durch das Wasser marschiert werden muss. Das letzte Stück hat es dann noch einmal in sich. Wir konnten gerade noch so stehen, unsere Rucksäcke trugen wir über den Köpfen und langsamen Schrittes versuchten wir im schlammigen Untergrund das Gleichgewicht zu halten. Nach einer gefühlten Ewigkeit, aber letztendlich nur 2 Kilometern und 2 Stunden erreichten wir unser Ziel. Die Strapazen haben sich wirklich gelohnt!

Frau watet durch das brusthohe, türkise Wasser im Lengarica Canyon.

Ein Wasserfall schießt über die Kante der Schlucht hinab in ein kleines Becken, eine sehr willkommene Abkühlung an diesem heißen Sommertag. Im Schatten der hohen Steilwände erholten wir uns und genossen das Plätschern des Wassers. Grundsätzlich könnte man hier dem Fluss noch weiter folgen, bis dieser in weiteren 2 Kilometern an einen Staudamm endet. Doch die Wanderung durch die Schlucht hat es durchaus in sich und da Lui noch nicht 100% fit war, entschieden wir uns hier Kehrt zu machen. Natürlich nicht alleine, unser neuer Freund stand schon bereit.

Malerischer Wasserfall am Ende der Wanderung durch den Lengarica Canyon.
Alter, südländischer Mann mit Bart, der mit uns durch den Lengarica Canyon gewandert ist.

Unser erstes Ziel in Albanien hat uns gleich vom Hocker gehauen. Neben den malerischen heißen Quellen am Rande der Ura e Kadiut Brücke mit Blick auf die entfernte Bergkette, war die Durchschreitung des Lengarica Canyons ein absolutes Highlight unseres bisherigen Trips. Wir können euch für die Wanderung Badeschuhe empfehlen. Den Hinweg haben wir barfuß bewältigt, doch da der Weg über große Steine führt und sich im Wasser oft eine dicke Schicht aus Schlamm befindet, haben wir für den Rückweg die Schuhe aus dem Dry Bag geholt. Mit Schuhen war es definitiv nicht so anstrengend. Zurück am Ausgangspunkt verabschiedeten wir uns von unserer Wanderbegleitung, sprangen zur Abkühlung noch kurz in die Quellen und setzten unseren Weg nach Gjirokastra fort, einer Stadt die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt!






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